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Das digitale Klassenzimmer

Ein Schlaglicht von Schulleiterin Petra Bäumer über digitale Lernwerkzeuge in der Schule.

Ein individualisierter Unterricht und die persönliche Förderung von Schulkindern gehören derzeit zu den zentralen Erwartungen an Schulen und Lehrer/innen. Warum sind die Abkehr vom Frontalunterricht und eine individuelle Unterstützung jedes einzelnen so wichtig geworden? 

Zu einem guten Teil liegt das daran, dass die Schülerschaft heterogener geworden ist – insbesondere durch Inklusion und Zuwanderung, so wie an meiner Grundschule in Hamburg-Wandsbek. Unter unseren 270 Schüler/innen sind leistungsstarke Kinder ebenso wie verhaltensauffällige und welche mit Behinderungen; in Hamburg bedeutet Inklusion, dass jede Schule eine Inklusionsschule ist. Zudem ist heute auf breiter Basis klar, dass sich Unterricht nicht länger an einem imaginären Durchschnitt orientieren kann. Der Anspruch lautet also: Jedes Kind soll einen Lernzuwachs erreichen. Das gelingt aber nur, wenn sich der Unterricht dem Kind anpasst – und nicht umgekehrt.

Hier kommt die Digitalisierung ins Spiel. In einem digitalen Klassenzimmer sind die Schüler/innen mit ihren Lehrer/innen in einer Cloud, also einem Speicher- und Rechenplatz im Internet, verbunden. Die Unterrichtenden können jederzeit sehen, was und mit welchen Ergebnissen sie arbeiten. Lehrer/innen gibt das die Möglichkeit, den Lernstand jedes Einzelnen schnell und eindeutig zu erkennen und darauf zu reagieren. Das ist ein großer Vorteil, denn individuelle Förderung gelingt nur, wenn man Lernprozesse genau beobachtet und gegebenenfalls intensiviert. Digitale Medien – insbesondere Tablets – bieten hierfür breite Möglichkeiten, sprich: verschiedenste Apps, die Schüler/innen ansprechen und zum Lernen anregen. Das eigene Lernen selbst steuern zu können, ist hierbei gleichzeitig Voraussetzung und Ergebnis.

Zu digitalen Lernwerkzeugen hört man unterschiedliche Stimmen. Viele Lehrer/innen loben etwa einen „digitalen Lernpass“: Verteilten sie bislang einen Hefter mit Förderaufgaben, wenn ein Kind bei einem bestimmten Thema Probleme hatte, mussten sie hoffen, dass es die Zusatzaufgaben wirklich bearbeiten würde. Bekommen die Schüler/innen solche Extra-Arbeit auf dem Tablet zugeteilt, sehen sie sofort, was sie richtig und falsch machen und können das reflektieren. Auch ihr Lehrer oder ihre Lehrerin weiß Bescheid, ob sie sich drangesetzt haben – und mit welchem Ergebnis. Lässt man Schüler/innen zu Wort kommen, sprechen sie ebenfalls häufig von den positiven Aspekten, einem größeren Lernspaß etwa.

Größere Transparenz des Unterrichts

Aber natürlich bedeuten der Einsatz von Tablets oder digitalen Tafeln – so genannten interaktiven White Boards – nicht automatisch eine Verbesserung der Unterrichtsqualität. Es gibt auch Lehrer/innen, die klagen, dass sie ihre Schüler/innen vor dem Tablet ständig zur Ruhe ermahnen müssten – und dass sie das Gerät heimlich zum Chatten oder Spielen nutzten. Positive Effekte stellen sie nicht fest. Um diese Erfahrungen richtig einzuordnen, muss man sich allerdings genau ansehen, wie Lehrer/innen digitale Medien im Unterricht einsetzen. Meine Erfahrung ist: Werden sie als bloßer Papierersatz betrachtet, ist eine positive Veränderung kaum messbar – arbeiten die Schüler/innen mit geeigneten Lern-Apps und Präsentationsprogrammen, hingegen schon.

Digitale Medien sind ein Werkzeug. Eines, mit dessen Hilfe sich Lernaufgaben, Unterrichtsvorbereitung und -entwicklung ganz neu gestalten lassen. Dann entsteht ein Mehrwert für den Unterricht – und für jeden Einzelnen. Aber das gelingt nur, wenn Lehrer/innen diesen Mehrwert erkennen und ihren Unterricht an die unterschiedlichen Kompetenzen und Lernniveaus ihrer Schüler/innen angepasst haben. Die Digitalisierung erleichtert dann beiden Seiten die Arbeit. Natürlich hat die Transparenz auch für die Lehrenden Folgen: Ihre Unterrichtsgestaltung wird sichtbar –  für Schüler/innen, Eltern und Kolleg/innen.

In Hamburg sollen alle Schulen in den nächsten fünf Jahren auf einen neuen Stand der Technik gebracht werden. Ziel sind digitale Präsentationssysteme in jedem Klassenraum sowie Tablets im Verhältnis 1:4 an Grundschulen und 1:5 an weiterführenden Schulen. Die Bedingung für den Einsatz der mobilen Endgeräte ist ein stabiles WLAN in den Klassen – und das ist derzeit in Hamburger Schulen eher die Ausnahme. Ein Teil des Geldes aus dem so genannten „Digitalpakt“ fließt also erst einmal in den Aufbau der nötigen Infrastruktur. Ein weiteres großes Thema ist der IT-Support. An unserer Schule stehen jeder Klasse mehrere Standrechner zur Verfügung. Die Wartung dieser Geräte ist allerdings aufwändig und teuer. Bei uns macht das ein Lehrer außerhalb seiner Unterrichtszeit, was kein Dauerzustand sein darf. Ist bei uns einmal flächendeckend Wlan installiert, können wir Tablets anschaffen, die sich wiederum mit weniger Aufwand aus der Ferne warten lassen. Um hier effektiver zu sein, schließen wir uns zudem gerade mit anderen Schulen zusammen und planen, einen externen Dienstleister zu beauftragen.

Dass jeder Schüler und jede Schülerin ein eigenes Tablet bekommt, sehe ich in einiger Ferne. Deshalb werden bisher folgende Modelle praktiziert: „Bring your own device“ – die Schüler nutzen ihr privates Smartphone im Unterricht. Oder die „Pool-Lösung“ – eine Schule schafft eine bestimmte Zahl von Tablets an und die Lehrer/innen sprechen sich untereinander ab, wer sie wann nutzt.

Schule muss Datenschutz vorleben

Auch die Frage nach dem Schutz von Daten gehört zu dem großen Thema. Wie gehen wir mit unseren und den Daten Dritter um? Im Alltag werden Soziale Netzwerke und Messenger-Dienste wie selbstverständlich genutzt. Aber in der Schule funktioniert das nicht, da greifen die Persönlichkeitsrechte. Für die meisten Kinder und Eltern sind diese Regelungen Neuland. Hier sehe ich einen zentralen Bildungsauftrag der Schulen. Wir haben die große Chance, zu sensibilisieren – und einen guten Datenschutz vorzuleben.

Zudem halte ich es für wichtig, dass sich Schulen ein digitales Leitbild geben. Das sollte kein starres Dokument sein, das, einmal aufgeschrieben, unveränderbar ist. Vielmehr geht es um eine Benutzerordnung, die immer wieder diskutiert wird und erstens die digitalen Chancen, die sich aus den Apps und Programmen bieten, mit dem Curriculum verknüpft und sich zweitens Grundfragen annimmt: Wo und wie lernen Kinder Basics wie eine Textverarbeitung? Braucht man dafür noch eine Tastatur – oder hat die künftig keinen Wert mehr? Werden alle Lehrenden in diesen Prozess eingebunden, bietet das auch die Möglichkeit, die Vorsichtigen und die Skeptiker, die es natürlich gibt, von den Vorteilen zu überzeugen. Mit dem digitalen Klassenzimmer kann man viel erreichen. Es müssen aber alle mitmachen können.


Die Autorin

Petra Bäumer leitet die Schule am Eichtalpark in Hamburg. Sie hat einen Master in Schulmanagement und Qualitätsentwicklung und ist freiberufliche Beraterin für IT-gestützte Stundenplanerstellung. Ihre Grundschule gehörte zu den ersten, die an Vivo – Bildung von Grund auf! teilgenommen. Das Programm der sdw unterstützt Schüler/innen am Übergang in die Sekundarstufe I. 


Foto: privat