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Schlaglichter – unsere Themen

Interview mit Prof. Dr. Rogall zum Thema „gute Lehrerbildung“ und „gute Schule“

Bildungschancen hängen maßgeblich von Lehrkräften ab, die entsprechend gut ausgebildet sein müssen. Mit dem bundesweit einzigartigen Studienkolleg unterstützen die Stiftung der Deutschen Wirtschaft (sdw) und die Robert Bosch Stiftung GmbH seit 2007 leistungsstarke, gesellschaftlich engagierte Lehramtsstudierende und -promovierende.

Anlässlich des 25. Jubiläums der sdw hat Prof. Dr. Joachim Rogall, Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung und Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, im folgenden Interview seine Standpunkte zu den aktuellen Herausforderungen  für „gute Lehrerbildung“ und „gute Schule“ dargelegt:

Was macht für Sie eine „gute Lehrerbildung“ aus und wo sehen Sie den größten Handlungsbedarf in der derzeitigen Ausbildung?

Meiner Meinung nach ist es wichtig, dass es in den Hochschulen ein klar definiertes Verständnis vom Lehrerberuf gibt und dass die einzelnen Hochschulen ihre strategischen Ziele für die Lehrerbildung formulieren.

Außerdem ist eine deutlich stärkere Kooperation auf verschiedenen Ebenen notwendig: So müssen die Verantwortlichen aller drei Phasen der Lehrerbildung (Hochschule, Vorbereitungsdienst sowie Fort- und Weiterbildung) zusammenarbeiten und dafür sorgen, dass die verschiedenen Ausbildungsabschnitte stärker miteinander verzahnt sind und ein kohärenter Ausbildungsweg angeboten wird.

Auch innerhalb der Hochschule sollten die Professoren der Fachwissenschaften, Fachdidaktiken und Bildungswissenschaften stärker systematisch zusammenarbeiten. Bisher werden die spezifischen Anforderungen der Lehramtsstudierenden in den Fachwissenschaften noch zu wenig berücksichtigt, so dass es den Studenten schwerfällt, die Verknüpfungen zu den Fachdidaktiken und den Bildungswissenschaften herzustellen.

Eine sinnvolle Verknüpfung theoretischer und praktischer Inhalte im Lehramtsstudium ist zwingend. Das Theorie-Praxisverhältnis sowie die Vorbereitung, Begleitung und Reflexion von Praxisphasen sollten konzeptionell neu durchdacht werden. Die Studenten sollten eine Methodenausbildung bekommen, die sie als Basis für forschendes Lernen in den Praxisphasen einsetzen können.

Angesichts hoher Abbruchquoten im Lehramtsstudium ist die kontinuierliche Begleitung und Beratung der Studenten besonders wichtig. Diese beginnt mit einer Eignungsabklärung für den Lehrerberuf und wird mit individuellem Feed-Back und Anleitung zur Selbstreflexion fortgesetzt.

Und noch ein letzter Punkt. In der Lehrerbildung bedarf es einer intensiveren Forschungsorientierung, dies macht die Lehrerbildung in der Hochschule anschlussfähig und attraktiv. Forschungskooperationen zwischen Hochschulen und Schulen, wie wir sie im Rahmen des Deutschen Schulpreis fördern, sind gewinnbringend für beide Seiten.

Welchen Beitrag können Stiftungen zur Lehrerbildung leisten?

Stiftungen können Anstöße für die Weiterentwicklung der Lehrerbildung geben.

Dies tun wir gemeinsam mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft im Studienkolleg für Lehramtsstudierende. Mit diesem in Deutschland einzigartigen Stipendienprogramm unterstützen die beiden Stiftungen leistungsbereite Lehramtsstudierende und -Doktoranden darin, sich zu engagierten Schulgestaltern von morgen zu entwickeln. Zudem erhalten die Teilnehmenden ein Stipendium aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Kontinuierlich befinden sich rund 400 Lehramtsstudierende  aus ganz Deutschland in der Förderung.

Ein weiteres Beispiel ist der Monitor Lehrerbildung, ein Kooperationsprojekt von Bertelsmann Stiftung, CHE Centrum für Hochschulentwicklung, Deutsche Telekom Stiftung, Robert Bosch Stiftung und Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. Er bietet als einziges Online-Portal einen deutschlandweiten Überblick über die Strukturen und Inhalte der ersten Phase der Lehrerbildung, das Lehramtsstudium. Die Daten werden in regelmäßigen Abständen in den 16 Bundesländern sowie an lehrerbildenden Hochschulen erhoben. Sie bieten den Verantwortlichen in der Lehrerbildung aus Verwaltung, Politik und Hochschule eine fundierte Informationsbasis für Entscheidungen im Feld oder die Weiterentwicklung des Lehramtsstudiums.

Eine aktuelle Schulleiterbefragung im Rahmen des Monitors Lehrerbildung zeigt z.B., dass wichtige Bildungsthemen in der Lehrerbildung nur unzureichend behandelt werden. Genannt wurden u.a. die Gestaltung von Unterricht und die Gestaltung zusätzlicher Bildungsangebote im Ganztag, Umgang mit Leistungsheterogenität sowie sozialer und kultureller Vielfalt. Außerdem sind der Unterricht mit Hilfe digitaler Medien und die entsprechenden didaktischen Konzepte noch ein großes Entwicklungsthema, das auch von der Bund-Länder Qualitätsoffensive Lehrerbildung aufgegriffen wird.

Aktuell wird aufgrund des Lehrkräftemangels weniger über die Qualität als die Quantität von Lehrern diskutiert. Wie kann ein Lehramtsstudium wieder attraktiver für Schüler gestaltet werden?

Als Stiftungen haben wir die Chance, die Bedeutung von Bildung in unseren Programmen und Projekten herauszustellen. Lehrkräfte  gestalten die Bildungskarrieren ihrer Schüler maßgeblich mit und tragen somit eine hohe Verantwortung. Der Beruf verdient höchste gesellschaftliche Anerkennung, daran müssen wir im Bildungssektor weiterarbeiten. Bei den jungen Menschen, die sich für ein Studium bzw. einen Beruf entscheiden, muss die Attraktivität des Lehrerberufs ankommen. Lohnend wäre es sicher, junge engagierte Lehrer und Lehrerinnen, z.B. aus dem Studienkolleg, mit Schülern in der Berufsorientierungsphase zusammenzubringen. Außerdem sollten die Hochschulen an der Sichtbarkeit und Außenwirkung der Lehramtsstudiengänge arbeiten. Eine Willkommenskultur für Lehramtsstudierende, die zum Teil durch die Lehrerbildungszentren als Anlaufstelle realisiert wird, ist ebenso förderlich.

Für junge Menschen ebenfalls wichtig ist die Mobilität im Lehrerberuf bundesweit und EU-weit, auch diese muss zukünftig weiterbefördert werden, um den Ansprüchen der nachwachsenden Lehrergeneration gerecht zu werden.

Neben didaktischen und methodischen Kompetenzen rückt auch immer mehr die pädagogische Haltung von Lehrkräften als Einflussfaktor auf die Unterrichtsqualität und das Schulklima in den Vordergrund. Wie können angehende Lehrkräfte unterstützt werden, um diese professionelle pädagogische Haltung zu entwickeln?

In Veröffentlichungen rund um Schulreformen heißt es, dass die Haltung von Lehrkräften ein ausschlaggebender Faktor für die individuelle Förderung von Schülern, die Unterrichtsqualität und das Schulklima ist. Neben didaktischen und methodischen Kompetenzen trägt die Haltung von Lehrkräften maßgeblich zum Lernerfolg (oder auch zum Misserfolg) der Schüler bei. Eine professionelle Haltung ist eine Schlüsseldimension, die das Denken und Handeln von Fachkräften grundlegend beeinflusst.

Auch im Begleitprogramm des Studienkollegs für Lehramtsstudierende greifen wir das Thema der pädagogischen Haltung auf. In verschiedenen Veranstaltungsformaten wie Akademien, Leadership-Werkstätten und Peer-Coaching Gruppen machen wir den Stipendiaten Angebote, die darauf abzielen, sich mit der pädagogischen Haltung auseinanderzusetzen und entsprechende Selbstkompetenzen zu entwickeln. Solche Formate sind sicherlich für Universitäten in der Lehrerbildung schwer zu realisieren, es wäre aber ein Versuch wert, ob nicht die Lehrerbildungszentren hierzu Angebote machen könnten.

Im diesjährigen Forum Leadership in der Lehrer/innenbildung, der bundesweiten Veranstaltung für Verantwortliche in der Lehrerbildung (14./15.11.2019 in der Repräsentanz der Robert Bosch Stiftung in Berlin) greifen wir gemeinsam mit der Stiftung der Deutschen Wirtschaft das Thema „Wie entwickeln wir eine professionelle pädagogische Haltung“ ebenfalls auf.

Wie müsste eine Schule aussehen, auf die Sie gerne gehen würden?

Wir beschäftigen uns in der Robert Bosch Stiftung mit der Frage: „Wie sieht die Schule der Zukunft aus?“ Die Preisträger des Deutschen Schulpreises geben uns hier wichtige Hinweise. Sie arbeiten bereits mit Konzepten des individuellen und selbständigen Lernens, digitalen Medien, einem hohen Maß an Partizipation der Schüler und gehen innerhalb der Schulgemeinschaft wertschätzend miteinander um. Mit solchen Ansätzen nähern wir uns der Frage, wie Lernen für die Zukunft aussehen soll. Denn die Welt, in der wir leben, verändert sich rasant, ist komplex und vielfältig.

Wenn Sie mich fragen, auf was für eine Schule ich gerne gehen würde, dann wäre es eine Schule, die mir eine solide Allgemeinbildung vermittelt und sich gleichzeitig auch mit neuen Lernformen und dem Lernen für die Zukunft auseinandersetzt. Eine Lernumgebung, die es mir als Schüler erlaubt, meine Fragen und Interessen zu verfolgen, zu experimentieren und aktiv, konstruktiv sowie sozial zu lernen. So erwerbe ich nachhaltiges Wissen, auf dem ich jederzeit aufbauen kann, das in meinem Leben Anwendung findet und damit wirklich „lebt“.


Foto: Robert Bosch Stiftung GmbH