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„Die Jungen werden von den Alten ausgespielt!“

Alumnus Dr. Wolfgang Gründinger über die Rechte der jüngeren Generation.

Das folgende Interview mit Dr. Wolfgang Gründinger, ehemaliger Promotionsstipendiat und Alumnus des Studienförderwerks Klaus Murmann, ist eine Vorabveröffentlichung aus dem Jubiläumsmagazin der sdw, das zum Jahresende 2019 erscheinen wird.

Wolfgang Gründinger ist Autor des Buches „Alte Säcke Politik“, für das er mit dem Preis für „Das Politische Buch“ ausgezeichnet wurde, Botschafter der Stiftung Generationengerechtigkeit und Referent Digitale Transformation beim Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW). Er versteht sich als Autor, Aktivist und Analyst und war bereits in vielen hochkarätig besetzten Talkrunden Gast im TV. Sein Promotionsthema lautete „What drives the Energiewende?“ und untersuchte den Einfluss von Interessengruppen.


„Die Jungen werden von den Alten ausgespielt“

Dort, wo über die Zukunft entschieden wird, sind junge Menschen nicht erwünscht, sagt Wolfgang Gründinger. Deshalb setzt sich der Publizist und Aktivist für die Rechte nachfolgender Generationen ein.

Interview: Marc Winkelmann

Herr Gründinger, „Fridays for Future“ hat zahlreiche Fragen und Forderungen zum Klimawandel und zu unserer Zukunft populär gemacht. Heißt das, dass junge Menschen jetzt Einfluss haben und die Politik ihnen inzwischen auf Augenhöhe begegnet?

Nein. Es gilt noch immer: Wer unter 30 ist, hat nichts zu sagen. Nehmen wir die Diskussion um die sogenannten Upload-Filter vor der Europawahl. Da sprach man den Jüngeren ab, eine eigene Meinung zu haben. Sie seien Bots und wären von Google beeinflusst, hieß es.

Aber „Fridays for Future“ hat doch schon einiges erreicht.

Auch sie wurden lange nicht ernstgenommen. Man hielt ihnen entgegen, dass sie doch zur Schule gehen und den Klimawandel den Profis überlassen sollten. Oder das Video von Youtuber Rezo. Die Reaktion der Parteien und der Leitartikler war: Du hast nicht recht und bist ein Idiot.

Hatten junge Menschen schon mal mehr Einfluss?

Ja, bedingt durch die Tatsache, dass sie früher mehr waren. Sie waren zahlenmäßig präsenter. Heute ist ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung kleiner. Deutschland ist älter geworden, was noch zunehmen wird, und durch diese Vereinzelung sind die Jungen schlecht organisiert. Deshalb wird bei zukunftsrelevanten Themen mit großem Handlungsdruck wie Digitalisierung, Klimaschutz, Energie- und Verkehrswende, Bildungs- und Rentenreform oder dem Mietmarkt zu spät und zu zögerlich gehandelt.

Andererseits gibt es viele 50- und 60-Jährige, die sich so jung fühlen wie keine Generation vor ihnen. Die müssten doch Verständnis für junge Menschen haben.

Das ist eine andere Lebenswelt. Ich bin 35, und schon mein Abstand zu 20-Jährigen ist riesengroß. Die Jungen werden von den Alten ausgespielt.

Ausgespielt?

Die Besitzstandswahrer möchten, dass alles so bleibt. Das sind die konservativen Kräfte, die in Medien, Politik, Gewerkschaften oder Unternehmen alt geworden sind und denen die Umgehungsstraße immer noch wichtiger ist als das Internet. Die möchten keine Belastungen in Kauf nehmen, um jüngeren Generationen eine lebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Alle unter 30 sind also zukunftsgewandt, alle darüber wollen Mauern hochziehen. Ist das nicht zu schlicht gedacht?

Natürlich sind weder die Älteren noch die Jüngeren ein homogener Block. Philipp Amthor von der CDU ist 26 und beweist doch, dass es jüngere Menschen in etablierten Parteien schaffen können. Aber warum konnte er aufsteigen? Weil er genau das widergibt, was die Älteren hören möchten. Er wurde mit seinem vorauseilendem Gehorsam von den Älteren selektiert. Das ist die latente Macht der Älteren, die nur dann Jüngere nach oben lässt, wenn es ihnen passt.

Wann ist Ihnen zum ersten Mal aufgefallen, dass junge Menschen dort, wo Entscheidungen getroffen werden, unterrepräsentiert sind?

Da war ich 15 oder 16. Damals habe ich in der Bibliothek meines Heimatdorfs ein Buch gefunden: „Die Grenzen des Wachstums“. Darin stand, dass wir in eine ökologische Krise geraten, wenn die Menschheit sich nicht ändert.

Nicht viele Teenager greifen zu „Die Grenzen des Wachstums“.

Es war Zufall. Ich bin in einem armen, unpolitischen Haushalt aufgewachsen. Wir hatten nicht viel mehr als Bücher, die man sich leiht. Und wenn die Bibliothek kaum neue Bücher bietet, nimmt man die alten. Bei der anschließenden Recherche bin ich auf die Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen gestoßen, die sich für ein Wahlrecht für Jugendliche einsetzt und fordert, dass sie beim Rentensystem, der Staatsverschuldung und vielen anderen Fragen, die sie betreffen, mit entscheiden. Das hat mich nicht mehr losgelassen.

Inwiefern?

Ich bin zu UN-Klimakonferenzen gefahren, auf Demos gegangen, habe eine Jugendorganisation mitgegründet und mein erstes Buch zu der Energiewende geschrieben, die damals noch gar nicht diskutiert wurde. Wir Jugendlichen forderten mehr erneuerbare Energien und dass wir raus aus der Kohle müssen. Experten sagten dagegen, dass technisch maximal vier Prozent Erneuerbare möglich wären. Wir wurden verlacht und verspottet.

Gab es auch Erfolge?

Die Politik kam vorbei und ließ sich mit uns fotografieren, aber oft folgte nichts daraus. Das hat uns, die wir ungeduldig waren, sehr frustriert.

Heute gibt es ausgereifte digitale Kommunikationskanäle. Lässt das die Welten zusammenrücken? Darüber wäre doch Austausch und – letztlich – Verständnis möglich.

Nein. Der technologische Wandel verläuft zu schnell und jüngere Menschen nutzen die digitalen Medien ganz anders. Auch im Vergleich zu mir übrigens.

Können jüngere Generationen ihre zahlenmäßige Unterlegenheit durch die digitalen Medien ausgleichen? Zu dem Erfolg von „Fridays for Future“ haben Instagram, WhatsApp und Co. maßgeblich beitragen.

Über die digitalen Plattformen können sie ihre Kommunikation und Entscheidungsprozesse tatsächlich sehr gut organisieren, und ganz offenbar haben sie gelernt, wie man das macht. Die Langlebigkeit von „Fridays for Future“ ist nicht typisch für solche Initiativen. Zudem aber müssen sie laut und radikal sein und viel Durchhaltevermögen haben. Erst dann können sie die Agenda prägen.

Was gehört dazu, heute laut und radikal zu sein?

Man darf sich nicht mit Kleinklein aufhalten, sondern braucht eine Vision, Forderungen wie eine plastikfreie Zukunft oder dass Deutschland klimaneutral werden muss. Diese Ziele muss man hinausschreien – je weniger Verbündete man hat, desto lauter sollte man sein.

Und dann schafft man etwas Bleibendes?

„Fridays for Future“ wird tatsächlich nicht so schnell weggehen, weil dort ein Ökosystem gewachsen ist. Die aktiven Schüler und Studierenden werden die Forderungen weitertragen – in Hochschulen, Vereine, Parteien. Es wird für sie aber kein gemütlicher Spaziergang wie bei den 68ern, sondern ein beschwerlicher Marsch durch die Institutionen. Man wird ihnen Steine in den Weg legen. Die Babyboomer hatten es leichter. Sie waren in der Mehrheit, egal wohin sie kamen. Die heutige Jugend bleibt in der Minderheit.

Marsch durch die Institutionen – bedeutet das, die heutige Jugend soll sich überall Posten und Plätze erobern?

Sie muss überall repräsentiert sein, wo es um ihre Interessen geht. Bei den Rundfunkbeiräten von öffentlich-rechtlichen Medien beispielsweise. Die sind riesig und aufgebläht, aber darin sitzt kein junger Mensch. Oder beim Wahlrecht. In Artikel 20 des Grundgesetzes steht, dass alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht. Offenbar gehören aber alle unter 18 Jahren nicht zum deutschen Volk. Sie dürfen nicht wählen.  

Ab wann sollte man wählen dürfen?

Ab dem Zeitpunkt, ab dem er oder sie wählen möchte. Bei den meisten wird das ab 12 oder 13 Jahren der Fall sein. Aber wenn ein Kind mit neun Jahren schon dazu bereit ist und diesen Willen bekundet, dann soll es wählen dürfen.

Ein Argument dagegen lautet, dass Menschen unter 18 nicht reif genug sind.

Von dem Argument halte ich gar nichts. Dann müsste man einen Reifetest für alle Wahlberechtigten einführen. Und womöglich die Hälfte der Deutschen ausschließen, weil die nachweislich nicht sagen kann, ob die Erst- oder Zweitstimme die wichtigere ist.

Selbst bei einer Änderung des Wahlrechts wären junge Menschen in der Minderheit. Deren Stimmen müssten schon doppelt zählen, damit sie spürbar mehr Einfluss gewinnen.

In einer Demokratie zählt jede Stimme gleich viel, das darf nicht geändert werden. Aber wir brauchen eine Quote für junge Menschen. Sie bauen Start-ups auf und verkaufen die für viel Geld oder sind Bestseller-Autoren – nur in der Politik und bei Konzernen sagt man, Jugendliche sind nicht reif genug. Wir sind alt und weise und die sind jung und dumm.

Es gibt Frauen, die eine Quote als Makel empfinden. Sie wollen es aus eigener Kraft schaffen, ohne Krücke.

Aber gelegentlich braucht man eine Krücke als Maßnahme auf Zeit, bis man selbst laufen gelernt hat. Bis die Gesellschaft eine Kultur entwickelt hat, die sich reproduziert. Oft heißt es, regt Euch nicht auf. Der Jugend gehört doch die Zukunft. Das stimmt. Ein Stück Gegenwart wäre aber auch mal ganz nett.

Die SPD hat vor der Europawahl 2019 eine junge Politikerin auf einen vorderen Listenplatz gesetzt – der ihr nach dem Ergebnis des Nominierungsparteitags nicht zugestanden hätte. Das kam nicht überall gut an.

Abstrakt will jeder Junge und Frauen fördern und spricht sich für Klimaschutz und vielleicht sogar die Digitalisierung aus. Aber wenn es konkret wird, lehnt man es dann doch wieder ab.

International gab es Versuche, die Interessen junger Menschen in parlamentarischen Prozessen zu berücksichtigen. In Wales nennt sich Sophie Howe „Commissioner for Future Generations“, in Schweden wurde vorübergehend eine Ministerin für strategische Entwicklung ernannt, auch in Israel oder Ungarn wurde experimentiert. Sollten das Vorbilder für uns sein?

Mein Vorschlag für Deutschland lautet anders. Wir sollten die zahlreichen existierenden Beratungsgremien konsolidieren, den Parlamentarischen Beirat für Nachhaltige Entwicklung reformieren und als ständige Kommission aufwerten. Zur Hälfte könnte das Gremium mit Parlamentariern und zur Hälfte mit jungen Menschen besetzt sein, die vom Bundespräsidenten ernannt werden. Das Gremium bekäme mehr Ressourcen und ein Anhörungsrecht im Bundestag – so würde man es auch medial stärken. Über den Jahresbericht des Sachverständigenrats der Wirtschaftsweisen berichten viele Medien. Über die Berichte des Sachverständigenrats für Umweltfragen bislang nicht.

Die ausländischen Beispiele sind zarte Pflänzlein, die größtenteils wieder abgeschafft wurden. Ein Indiz dafür, dass der Widerstand überall groß ist?

Deutschland ist sehr konservativ, aber viele andere Länder genauso. Dabei ist Generationengerechtigkeit kein progressives, liberales oder sozialistisches Projekt, sondern ein konservatives. Es soll etwas bewahrt werden. Aber viele, die sich als konservativ bezeichnen, wollen das Falsche bewahren. Oder den Wandel so langsam gestalten, dass alle mitkommen.

Was in einer Demokratie wichtig ist.

Viele konservative Vordenker, angefangen bei Adenauer, haben nicht nach Mehrheiten gehandelt. Sie haben an ein Projekt geglaubt und das durchgezogen, auch auf die Gefahr hin, nicht wiedergewählt zu werden. Unsere Große Koalition der letzten Jahre hat nichts dergleichen. Sie handelt ohne Strategie. Energiewende, Verkehrswende, Regulierung des Finanzmarktes, Digitalisierung, Klimaschutz – nichts wurde zu Ende geführt. Wenn das Konservatismus ist, dann ist das nicht der Konservatismus, den ich mir wünsche.

Muss auch die Möglichkeit zur Mitarbeit in Parteien geändert werden? Deren analoge Präsenzkultur widerspricht häufig der Lebensrealität junger Menschen, die digital und viel unterwegs sind.

Wir brauchen Strukturen, die eine zeitlich begrenzte Mitarbeit an bestimmten Themen ermöglichen, egal wo man lebt. Vielleicht ginge das über eine Art Talentbörse: Jeder schreibt auf, was er leisten kann, und Parteien rufen das gezielt ab. Auf solche Veränderungen zielen viele Parteireformen und Initiativen ab. Aber die historisch gewachsenen Hierarchien halten sich zäh.

Kann es jungen Menschen überhaupt gelingen, sich aus eigener Kraft mehr Gehör zu verschaffen?

Nein. Sie brauchen Verbündete – bekannte, mächtige Sprachrohre bei den Älteren, die sich zu Anwälten nachfolgender Generationen machen. Es gibt ja vernünftige ältere Menschen. Ohne diesen Pakt sehe ich nicht, dass die Generationengerechtigkeit kommt.

Andererseits erleben wir, dass gerade jüngere Frauen auch ohne ältere Verbündete laut und aktiv werden: Greta Thunberg und Luisa Neubauer von „Fridays for Future“, die Kapitänin Carola Rackete …

…  das geht ja noch weiter. In den USA machen die Anti-Waffen-Aktivistin Emma González, die Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez und die Fußballerin Megan Rapinoe auf sich aufmerksam. Die Premierministerin von Neuseeland ist noch unter 40 Jahre, die in Island nur wenig älter. Wir werden momentan Zeuge einer globalen Generation von Frauen, die sich das Recht herausnimmt, Macht zu ergreifen.

Ist das mehr als Zufall?

Das kann ich mir vorstellen. Ich weiß nur nicht, warum.

Sie sind 35. Wie lange können Sie noch für die junge Generation sprechen?

Ich kann nicht mehr für sie sprechen. Aber ich kann für sie eintreten und sie verteidigen und mit Kontakten und Wissen helfen. Das ist noch sehr lange möglich. Auch mit 90.


Foto: David Ausserhofer