Direkt zu den Inhalten springen

„Das geht Schule eindeutig etwas an!"

Am 6. Juni setzen Schulen bundesweit unter #IchStehAuf ein sichtbares Zeichen für Demokratie und Vielfalt!

Wie relevant Demokratiebildung insbesondere im Kontext Schule ist, darüber sprachen wir mit Benjamin Winkler. Er leitet die Regionalstelle der Amadeu Antonio Stiftung in Sachsen und arbeitet dort als Schulberater im Programm Starke Lehrer – starke Schüler. Beim diesjährigen Forum Leadership in der Lehrkräftebildung unseres Studienkollegs  gab er einen direkt ausgebuchten Workshop zum Umgang mit Menschenfeindlichkeit und Rassismus in Schulen. 

Inwiefern findet Rassismus im Kontext Schule statt, bzw. geht das Thema Schulen an?

„Das geht Schule eindeutig etwas an! Rassismus, aber auch Sexismus, Klassismus oder andere Formen der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) sind leider Alltag. Berichte von Schüler*innen, die ausgegrenzt oder ungleich behandelt werden, aber auch Einstellungsstudien machen deutlich: Schulen müssen wachsam sein. Insbesondere Rassismus ist eine Diskriminierungsform, die sich nicht nur durch dumpfe und beleidigende Sprüche ausdrückt, sondern ebenso durch subtilere Formen. Junge Menschen, die schwarz sind, werden von anderen ungleich behandelt, indem diese „exotisiert“ werden. Aussagen wie „Du sprichst aber gut Deutsch!“ oder die Frage „Woher kommst du?“ müssen sich Schülerinnen und Schüler, die weiß sind, selten anhören. Auch von Lehrkräften kann Rassismus ausgehen. Eine Untersuchung kommt zum Schluss: Bereits der ausländisch klingende Name eines Schülers kann dazu führen, dass Lehrkräfte die Leistung schlechter bewerten, als bei einer Schülerin mit nicht ausländisch klingenden Namen. Natürlich gibt es auch die klaren Fälle des Rassismus, die beispielsweise von Rechtsextremen geäußert werden. Aber wenn Schule etwas gegen Rassismus oder GMF tun möchte, sollte sie alle Formen ernst nehmen.“


Wie können Lehrkräfte mit menschenfeindlichen und antidemokratischen Äußerungen umgehen?

„Zunächst einmal muss das Verständnis von Rassismus und GMF aufgebaut werden. Dafür ist es wichtig, dass Schüler*innen und Lehrkräfte den aktuellen Stand der Forschung bzw. des Diskurses kennen. Das muss sich die Schule nicht immer selbst aneignen. Bundesweit gibt es viele Expert*innen oder Angebote, die Schulen durch Projekttage, Fortbildungen und andere Formate unterstützen. Ausgehend von einem gesicherten Verständnis der Phänomene braucht es an der Schule die Einigung auf die Missbilligung bzw. mehrheitliche Ablehnung von Rassismus oder GMF. Dies kann beispielsweise erzielt werden, indem die Ablehnung von Diskriminierung oder die Verpflichtung zum Handeln gegen Diskriminierung Bestandteil des Schulprogramms, des Leitbildes oder der Hausordnung wird. Schulen sind prinzipiell auch demokratische Institutionen, d. h. solche zentralen Dokumente bedürfen einer Mitbestimmung der Schulgremien. Schulen brauchen auch ein Aktionsprogramm, was zu tun ist, wenn es zu einem Vorfall kommt. Hier gilt es, abgestimmt und routiniert zu handeln. Passiert etwas in der Klasse, müssen Fachlehrer*innen, Klassenlehrer*innen und die Schulleitung gemeinsam agieren. Da der Diskriminierungsschutz an Schulen Aufgabe der Schulleitung ist, sollte diese Verantwortliche für das Thema benennen. Es sollte möglich sein, dass sich Schüler*innen an eine Vertrauensperson wenden können, wenn sie diskriminiert werden.“


Was sind geeignete Präventionsansätze?

„Je früher Schüler*innen sowie auch Lehrpersonen über die Phänomene und die Gefahren aufgeklärt werden, desto besser! Regelmäßige Schulungen, Projekttage oder pädagogische Tage sind prinzipiell eine gute Idee. Auch die Schaffung eines Aktionsprogramms – Was ist zu tun, wenn…? – sollte nicht erst geschehen, wenn es zu einem Vorfall gekommen ist, sondern im Vorfeld. Die Prävention sollte so ausgerichtet sein, dass nicht der Eindruck entsteht, als müsse sich die Schule damit ausschließlich gegen eine Gefahr von außen zur Wehr setzen. Vielmehr sollte ein Bewusstsein dafür gefördert werden, dass Rassismus oder GMF alltäglich vorkommen. Ausgrenzung und Ungleichbehandlung ist schädlich für alle Menschen und betreffen direkt sowie indirekt eine große Anzahl der in einer Schule Lernenden und Lehrenden. Die Förderung eines demokratischen und auf Gleichwertigkeit basierenden Schul- und Klassenklimas sollte im Interesse aller Akteur*innen oder zumindest der großen Mehrheit liegen. Darüber hinaus sollte darauf Wert gelegt werden, dass Demokratie und Beteiligung nicht nur ferne Ziele oder abstrakte Werte bleiben. Je mehr Demokratie und Beteiligung die Schüler*innen aber auch die Lehrer*innen an einer Schule praktizieren, desto weniger Menschenfeindlichkeit kann entstehen. Der Dialog, die Interaktion, der Streit und die gemeinsame Suche nach Lösungen fördert den Zusammenhalt.“


Was muss angehenden Lehrkräften schon in der Ausbildung vermittelt werden?

„Auch hier gilt: Die Auseinandersetzung mit Rassismus oder GMF ist eine Querschnittsaufgabe. Es bedarf keinesfalls den Gesellschaftsfächern überlassen werden. Wer sich als Lehrperson in der Ausbildung mit den Themen befassen will, sollte sich mit dem Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg sowie sozio-ökonomischer Lage des Elternhauses und Bildungserfolg der Kinder auseinandersetzen. Auch sollte man sich damit befassen, welche Formen der Diskriminierung oder der GMF an Schule auftreten können. Hilfreich dafür kann sein: Ein früher Einblick in den schulischen Alltag oder die Einladung von Expert*innen an die Hochschule. Wichtig ist, dass alle angehenden Lehrkräfte wissen, dass politische Bildung und der Bildungs- und Erziehungsauftrag für alle gilt – nicht nur der Politiklehrer vermittelt Werte, auch die Biologielehrerin. Insbesondere in der zweiten Phase der Ausbildung sollte es praktisch werden. Wenn die Lehrer*innen in Ausbildung anhand von realen Fällen lernen, was sich in Schule zuträgt, können sie besser auf den Alltag vorbereitet werden. Rollenspiele und eine professionelle Feedbackkultur können hierbei helfen. Wichtig ist: Den Umgang mit Rassismus oder anderen Formen der GMF lernt man nicht durch Benotung. Die Lehrer*innen in Ausbildung müssen die Chance haben, sich auszuprobieren, zu reflektieren und Fälle gemeinsam zu besprechen. Außerdem brauchen Lehrer*innen in Ausbildung geschultes und sensibilisiertes Ausbildungspersonal.“ 


Wie steht es um das sogenannte Gebot politischer Neutralität?

„Es gibt keine Neutralitätspflicht der Schule. Das wird leider von vielen falsch verstanden oder gelehrt. In Bezug auf politische Inhalte gilt an Schule bereits seit den 1970er Jahren der so genannte Beutelsbacher Konsens. Dieser sieht vor, dass die Lehrperson die Schüler*innen nicht mit der eigenen oder einer bestimmten Meinung überwältigen darf. Das zweite Prinzip fordert ein Kontroversitätsgebot. D. h. die Lehrperson muss politische Themen oder Inhalte dann kontrovers oder plural darstellen, wenn diese auch in der Gesellschaft und in der Wissenschaft kontrovers diskutiert werden. Ein Beispiel hierfür wäre das Thema Genetik. Nicht inbegriffen sind rechtsextreme oder rassistische Inhalte. Diese werden von der großen Mehrheit der Gesellschaft sowie auch durch unsere Gesetze und unser Grundgesetz abgelehnt und müssen deshalb nicht an der Schule unterrichtet werden. Das letzte Prinzip ist die Teilnehmenden- oder Schüler*innen-Orientierung. Das bedeutet, politische Inhalte müssen so aufbereitet werden, dass Schüler*innen über eigene Interessen oder Bedürfnisse nachdenken und sich eine Meinung bilden können. Zusammengefasst: Der Beutelsbacher Konsens fordert von der Lehrperson zwar eine Mäßigung in Bezug auf eigene, starke politische Überzeugungen, aber keineswegs eine politische Neutralität gegenüber den Werten unserer Gesellschaft und insbesondere nicht gegenüber dem Grundgesetz. Insbesondere Akteur*innen der extremen Rechten vermitteln immer wieder den falschen Eindruck, Schule müsse grundsätzlich neutral sein. Hierbei geht es um den Versuch, ihre eigenen extrem rechten Thesen und Inhalte zu normalisieren. Hier muss Schule standhaft sein.“

Was möchtest du zum Thema an dieser Stelle abschließend sagen?

„Schule sieht sich heute vielen Herausforderungen gegenüber. Lehrer*innen sowie Schulleitungen leisten jeden Tag Großartiges. Dennoch fühlen sich viele Lehrkräfte oder Schulleitungen allein, wenn sie sich offen gegen Rassismus, Rechtsextremismus oder GMF stellen. Dieses Engagement gelingt am besten, wenn es große Allianzen und Kooperationen gibt. Diese müssen zuerst im Kollegium hergestellt werden und gewinnen an Stärke, wenn sich Schulen Verbündete außerhalb der eigenen Mauern suchen. Deutschland hat ein breites Programm und Netzwerk an Unterstützenden inner- und außerhalb der Schulsysteme der Länder. Wenn sich Schule als Teil eines Sozialraums oder eines regionalen Handlungsfeldes sieht, dann ergeben sich automatisch Partnerschaften mit anderen. Schule sollte den Mut haben, Netzwerke zu bilden, Austausch zu fördern und an Problemen mit anderen gemeinsam zu arbeiten. Ein erster Schritt kann die Kenntnis über regionale Netzwerke sein. Hier braucht es insbesondere mehr Zusammenwirken der verschiedenen Landes- und Bundesprogramme gegen Rechtsextremismus und Demokratiefeindlichkeit.“


Wir als sdw stehen für Demokratie und Vielfalt ein. Chancengerechtigkeit, gesellschaftliches Engagement und Verantwortungsübernahme sind zentrale sdw-Themen und in unserem Leitbild fest verankert. Wir streben eine größtmögliche Vielfalt unter den Geförderten an. In den Programmen organisieren wir zahlreiche Veranstaltungen zu den Themen Anti-Bias, Diversität, Inklusion und Partizipation. Intern nehmen die Mitarbeitenden an Schulungen mit unserer Antidiskriminierungsbeauftragten und sdw-Alumna Dr. Lima Sayed teil, um unsere Kommunikation und unser Handeln auf Diversitäts- und Diskriminierungssensibilität zu überprüfen und zu verbessern. 


Benjamin Winkler
Benjamin Winkler; Foto: Tobias Rücker/sdw