Warum gute Führung im Körper beginnt

Unsere Hans Weisser Stipendiatin Carolin Federolf im Interview.

Carolin absolviert gerade mit dem Hans Weisser Stipendium eine Embodied Leadership Coaching Ausbildung am Strozzi Institute in Rom. Ein inhaltlicher Fokus liegt dabei auf der Frage, was menschliche Führung kann, was Algorithmen nicht können – und warum die Antwort hierzu im Körper beginnt.

Carolin Federolf lächelt in die Kamera.
Foto: privat

Hi Carolin, wie bist du zu dem Thema Körperbewusstsein in Leadership gekommen?

„Der Wunsch, organisationale und gesellschaftliche Veränderung nachhaltig mitzugestalten, zieht sich durch mein Berufsleben. So sehr die gängigen Ansätze ihre Berechtigung haben, reichen sie in Zeiten zunehmender Komplexität und abnehmender Stabilität ‚im Außen‘ aber oft nicht aus. Wir brauchen mehr Kompetenzen ‚im Innen‘. In unserer westlichen Kultur treffen wir Entscheidungen meist so, als würde unser Körper beim Hals aufhören. Gleichzeitig zeigt die Neurowissenschaft, dass unser Körper ständig Signale verarbeitet, die unsere Entscheidungen beeinflussen. Wenn wir lernen, mit unseren Körperempfindungen in Kontakt zu kommen, erweitert sich unser Handlungsrepertoire – neue Impulse entstehen, die vorher nicht möglich waren.

Algorithmen übernehmen mittlerweile immer mehr Entscheidungen, die ‚objektiv‘ wirken, aber gelernt sind aus Daten, die die heutige Realität und Entscheidungslogiken abbilden. KI-Kompetenz ist wichtig, keine Frage. Aber die Fähigkeit, Systeme kritisch zu lesen, Muster zu hinterfragen und unter Unsicherheit verkörpertes Urteilsvermögen einzubringen, wo Algorithmen es nicht können, das ist für mich die eigentliche Führungsaufgabe, die uns bevorsteht.“

Welche Rolle spielen Lissabon und Rom dabei?

„Im Herbst habe ich zwei Monate in Lissabon verbracht und am Web Summit teilgenommen. Parallel vertiefe ich aktuell meine Ausbildung als Embodied Leadership Coach am Strozzi Institute in Rom, es ist eine der weltweit renommiertesten Ausbildungen in diesem Feld. Die Methodik wurde u. a. in der Ausbildung von US-Marine-Offizieren erprobt.“

Kannst du uns drei Punkte nennen, die du bisher aus deiner Ausbildung mitnehmen konntest?

„Erstens: Wir wissen oft genau, was wir anders machen wollen und tun es trotzdem nicht: Embodied Leadership setzt dort an, wo klassisches Coaching oft aufhört: im Körper, in den eingeübten Mustern, die wir unter Druck automatisch abrufen.

Zweitens: Nachhaltige Veränderung braucht Wiederholung und Praxis, nicht nur Reflexion. Neue Verhaltensweisen müssen buchstäblich ins Nervensystem eingeübt werden.

Drittens: Unter Unsicherheit und Druck greifen wir auf das zurück, was wir am tiefsten eingeübt haben, nicht zwingend auf die sinnvollste Entscheidung im Moment. Deshalb ist verkörperte Handlungsfähigkeit für mich die entscheidende Führungskompetenz in einer Welt, in der Algorithmen das Schnelle übernehmen.“

Vielen Dank für diesen Einblick!

Ein Bild von dem web-summit Event.
Foto: privat
Carolin Federolf und weitere Frauen beim Sport.
Foto: privat